In einer Zeit, in welcher der europäische Integrationsprozess in eine schwere Krise geraten ist, ergibt sich die Frage, ob die BürgerInnen Europas nicht nur Teil eines riesigen politischen Projekts sind, sondern auch eine gemeinsame europäische Identität teilen. Trotz der anfänglichen Erfolge der europäischen Integrationspolitik, die dazu beigetragen hat, Wohlstand und Frieden für Europa zu erreichen, nehmen jetzt in vielen EU-Staaten populistische und nationalistische Ideologien zu. Daher ist es wichtiger denn je, über die Faktoren, welche die Identifikation der Bürger mit Europa beeinflussen, zu diskutieren.

Das Kulturnetzwerk EUNIC Austria glaubt fest daran, dass die Überwindung der europäischen Identitätskrise und der Probleme, wie sie die Brexit-Entscheidung Großbritanniens mit sich bringt, neben anderen Dingen eine hinreichende Identifikation der europäischen Bürger mit Europa erfordert. Um die Aufmerksamkeit der Bürger der Stadt Wien für die Bedeutung europäischer Entwicklung zu gewinnen, hat EUNIC Austria am 17. Dezember 2019 eine Podiumsdiskussion zum Thema „EUNIC und die Frage nach der kulturellen Identität Europas“ in der Wiener Diplomatischen Akademie organisiert. Diese Veranstaltung hat sich damit auseinandergesetzt, inwiefern uns die Europäische Union als Friedensprojekt Lösungen zur Überwindung von Existenzunsicherheiten anbieten und uns zu einer gemeinsamen europäischen kulturellen Identität führen kann.

Neben Direktorinnen und Direktoren europäischer Kulturinstitute in Wien folgten zahlreiche KulturmanagerInnen und KünstlerInnen der Einladung zu diesem Treffen, und wurden zu Beginn sowohl von der Direktorin des Bulgarischen Kulturinstituts und Direktorin von EUNIC Austria, Rumjana Koneva, als auch vom Direktor der Diplomatischen Akademie, Botschafter Emil Brix, begrüßt. Herr Botschafter Stephan Vavrik, Vizepräsident des Kulturnetzwerkes, erklärte in seiner Eröffnungsrede, dass kulturelle Vielfalt ein fester Bestandsteil der Werte der Europäischen Union sei, und dass nur dadurch der Aufbau von kritischen liberalen Gesellschaften, in denen existenzielle Unsicherheiten wie Populismus und Fremdenhass keinen Platz haben, stattfinden könne.

DiskutantInnen Sabine Haag (Direktorin des KHM), Gitte Zschoch (Direktorin EUNIC Global), Karin Liebhart (Universität Wien) und Ondřej Černý (Direktor der Tschechischen Kulturzentren) sprachen über die Wichtigkeit einer gemeinsamen europäischen Kulturpolitik, um Frieden und sozioökonomische Entwicklung sowohl in der EU als auch in Drittländern einzubringen. Hervorgehoben wurde auch die wichtige Rolle, die Organisationen wie EUNIC Austria dabei spielen, die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, Kreativwirtschaft und hochwertiges künstlerisches Schaffen innerhalb und außerhalb der Europäische Union zu fördern.

Besonders aufhorchen ließ Sabine Haag, die Direktorin des Kunsthistorischen Museums, mit ihrer Rede, in der sie die Museen als „Gedächtnisspeicher einer kulturellen Identität“ definierte. Dabei betonte sie, dass das Wiener Kunsthistorische Museum nicht ein österreichisches Nationalmuseum – so wie zum Beispiel das Rijksmuseum in Amsterdam – sondern ein „europäisches und teilweise auch außereuropäisches Museum“ sei. Künstler wie Canaletto, Francesco Laurana, Cellini oder Dürer hätten ihrer Meinung nach „keine Grenzen gekannt“. Aus diesem Grund bedeute ein Gang durchs KHM, so Direktorin Haag, ganz Europa zu durchschreiten.

Im Anschluss nahm das begeisterte Publikum die Gelegenheit wahr, anspruchsvolle Fragen an die DiskutantInnen zu stellen, und eine der zahlreichen Schlussfolgerungen war, dass eine starke Kulturpolitik wesentlich dazu beiträgt, das Zugehörigkeitsgefühl und die Beteiligung der BürgerInnen der EU-Staaten zu erhöhen. Nach der Fragenrunde wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Umtrunk in der Diplomatischen Akademie eingeladen.

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    November 17, 2019
    /
    10:44 pm
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